Der Glückspilz

Jeder von uns kennt Menschen, die durch´s Leben hetzen, ohne zu wissen wohin sie wollen. Haben sie dann erreicht, was sie glaubten zu wollen, sind sie nicht zufrieden und jagen weiter. Von einem Job zum nächsten, von einer Beziehung zur nächsten, von einem Kick zum nächsten. Trotzdem wächst die Unzufriedenheit und der Egoismus. Es muss doch mehr geben, etwas Besseres geben. Man könnte doch etwas versäumen. Sie möchten doch nur glücklich sein. Sie entwickeln sich zu glücksgetriebenen Menschen, deren höchstes Ziel es ist, glücklich zu werden, ohne zu wissen, was das bedeutet und ohne zu wissen, wie sie das Erreichen können. Sie streben nach einem Zustand, den sie gar nicht kennen. Wie kann man etwas erreichen, von dem man nicht weiß, wie es sich anfühlt? Wann weiß man, ob man das Ziel erreicht hat?

 

Oft versuchen sie das Glück im Selbst zu finden und allen Anschein nach gelingt dies auch. Zumindest präsentieren sie sich nach Außen hin so. Sie gestalten ein Bild von sich, von dem sie glauben, dass es richtig ist. Vermeiden das Glück im Außen zu suchen, um nicht abhängig zu werden. Abhängigkeit würde eine Verminderung der eigenen Flexibilität bedeuten und somit das getriebene Leben enorm einschränken.

 

Glück kann jedoch interaktiv wirken, auf dem Prinzip Geben und Nehmen. Aktion und Reaktion. Ying und Yang. Jemanden anderen glücklich zu machen, kann wundervoll glücksbringend wirken. Das Glück, das ich weitergebe wird bestenfalls auch wieder zurückkommen. Doch wer nie glücklich war, kann nicht wissen, wie sich Glück anfühlt und wer Angst hat, sich abhängig zu machen, wird es vermeiden, sein Glück im Außen zu suchen.

 

Ich neige dazu zu behaupten, dass es diesen Menschen gar nicht um ein Ziel geht, sondern um den Weg dorthin und sie die Leiden und die Unsicherheiten, die dieser Weg bereithält, genießen, denn sie kennen nichts anderes. Diese Gefühle sind sie gewohnt, damit können sie umgehen. Im Grunde handelt es sich dabei um zutiefst verletzte Menschen, die oftmals auf Grund der eigenen Verletzungen nicht bemerken, dass sie andere mit ihrem Verhalten verletzen. Es geht dabei um erlerntes Verhalten: Wer verletzt wurde, verletzt andere.

 

Sie gehen keine langfristigen Verpflichtungen ein, die es verhindern könnten, ihrem vermeintlichen Glück im Wege zu stehen bzw. noch etwas noch Spannenderes zu erleben. Sie versuchen keine Loyalität zu Arbeitgebern, Freunden, Partnern aufzubauen. Sie sind wahre Künstler darin sich das eigene Leben, die eigene Umwelt so zu erschaffen, damit sie stets flexibel bleiben können. Nichts darf in irgendeiner Weise einschränken. Nichts darf die Suche nach dem Glück beeinträchtigen.

 

Wird es doch konkreter, realer und drohen emotionale Verpflichtungen oder Bindungen, finden sie Argumente, die dagegen sprechen, sich auf diese Bindungen einzulassen. Dabei offenbaren sie sich als wahre Genies im Problem"er"finden. Getrieben von der Angst kleben zu bleiben und die Chance sich weiterhin alle Türen und Tore offenzuhalten zu vergeben.

 

Es ist nicht so, dass diese Menschen das bewusst und willentlich machen. Sie haben nie gelernt damit umzugehen. Schwierigkeiten, die das Leben manchmal mit sich bringt zu meistern. Beziehungen, die Höhen und Tiefen durchlaufen beständig zu halten und Verletzungen, die passieren, wieder zu heilen.

 

Sie gehen den einfachsten Weg und laufen immer weiter. Wenn etwas nicht so läuft, wie sie es sich vorgestellt haben, laufen sie davon und hetzen dem nächsten Ziel nach. Werden aber zunehmend unzufriedener und unglücklicher. Die Selbstwahrnehmung wird immer getrübter. Je mehr sie andere mit Ihrem Verhalten verletzen, desto verletzter empfinden sie sich selbst. Das Selbstmitleid steigt und die Suche nach dem großen Glück wird dadurch immer intensiver.

 

Die Fähigkeit des Selbstbetrugs entwickelt sich konstant weiter. Sie reden und denken sich die Welt schön, schöner als sie eigentlich ist. Alles positiv zu sehen und positiv zu denken ist auch eine Bewältigungsstrategie, nämlich Verdrängung und Vermeidung auf obersten Niveau. Um das nicht falsch zu verstehen, positives Denken ist keine schlechte Sache, wenn man dabei auf dem Boden der Realität bleibt. Um positiv denken zu können, ist es auch wichtig, sich negatives einzugestehen. Alles braucht einen Gegenpol. Gutes und Schlechtes. Schnelles und Langsames. Positives und Negatives. Lediglich sich immer nur auf das Positive zu konzentrieren und das Negative absolut zu vermeiden ist eine Form von Selbstbetrug. Auf lange Sicht gesehen sogar tendentiell selbstzerstörerisch.

 

Und was bleibt im Endeffekt von einem getriebenen Leben? Ob es erfüllend ist am Ende zurückzublicken und nichts geschaffen haben. Nichts Bleibendes, nichts Beständiges hinterlassen zu haben? Spätestens wenn es darum geht eine Lebensbilanz zu ziehen, werden glücksgetriebene Menschen mit der Realtität konfrontiert und knallen auf den Boden der Wahrheit. Zum Glück haben sie gelernt, auch mit dieser Wahrheit durch Verdrängung, Vermeidungsverhalten, Selbstbetrug und Egoismus umzugehen. Also dürfen sie konstant weiterleiden und in dem Zustand verharren, der ihnen bekannt ist, ohne sich im Inneren verändern zu müssen.

 

"Wer nicht weiß wohin er will, darf sich nicht wundern, wenn er woanders ankommt".

 

Viktor Frankl sieht eine Korrelation zwischen Selbstverwirklichung, Lebenssinn, Liebe und Glück. Er schreibt dazu: "Im Dienste an einer Sache oder in der Liebe zu einer Person erfüllt der Mensch sich selbst. Je mehr er aufgeht in seiner Aufgabe, je mehr er hingegeben ist an seinen Partner, umso mehr ist er Mensch, umso mehr wird er sich selbst. Sich selbst verwirklichen kann er also eigentlich nur in dem Maße, in dem er sich selbst vergißt, in dem er sich selbst übersieht." (Viktor Frankl. "Das Leiden am sinnlosen Leben - Psychotherapie für heute", Freiburg: Herder. 1997)

 

Von Helen Keller stammt folgendes Zitat:"Wahres Glück entsteht nicht durch die Beschäftigung mit sich selbst,

sondern durch die Hingabe an ein lebenswertes Ziel."

 

Dazu die Geschichte vom "Glückspilz"

 

Ein junger Mann, der sich immer fleißig und redlich bemüht hatte, es im Leben zu etwas zu bringen, kam zu der Erkenntnis, er habe einfach zu wenig Glück. So beschloss er, den lieben Gott aufzusuchen und ihn zu bitten, diesen Zustand zu ändern. Auf seine Erkundigungen hin erfuhr er, dass der liebe Gott in einem großen, dunklen Wald wohnte.

 

Also machte er sich auf den Weg dorthin. Als er an den Rand des Waldes kam, fragte ihn ein Wolf: "Wohin des Weges, junger Mann?" "Ich gehe zu Gott, damit er einen Glückspilz aus mir macht", antwortete er. Daraufhin bat ihn der Wolf: "Wenn du ihn triffst, frag ihn doch, warum ich immer so schrecklichen Hunger habe."

Der junge Mann versprach dies und ging weiter.

 

Ein Stück weiter traf er ein junges Mädchen. Es saß zu Tode betrübt an einem Fluss. Als der junge Mann vorüberging, fragte sie ihn: "wohin gehst du, junger Mann?".

"Ich gehe zu Gott, damit er einen Glückspilz aus mir macht", antwortete er.

"Ach, wenn du ihn siehst, frag ihn doch bitte, warum ich immer so traurig bin", bat ihn das Mädchen. "Ich werde ihn fragen", versprach der junge Mann und ging weiter.

 

Nachdem er weiter flussaufwärts gegangen war, hörte er einen Baum, der am Wasser stand, rufen: "Junger Mann, wohin gehst du?". "Zu Gott, er soll einen Glückspilz aus mir machen", antwortete er.

"Ach bitte, wenn du ihn siehst, frag ihn doch, warum ich immer so durstig bin, obwohl ich hier am Wasser stehe", bat ihn der Baum. "Mache ich", sagte der Mann und zog weiter.

 

Und wirklich, in der Mitte des Waldes traf der den lieben Gott.

"Lieber Gott", sagte er, "ich bin gekommen, damit du einen Glückspilz aus mir machst. Bisher hab ich das ganze Leben immer nur Pech gehabt. Findest du nicht auch, dass dies ungerecht ist, und ich zur Abwechslung mal etwas Glück haben sollte ?" Der liebe Gott sagte nur: "Okay".

 

Der junge Mann konnte seine Freude kaum im Zaum halten und wollte sich schon aufmachen, um von nun an ein glückliches Leben zu führen, da fielen ihm aber noch die Fragen der drei ein, die er auf dem Weg zu Gott getroffen hatte. Er trug sie dem lieben Gott vor, und der beantwortete sie.

 

Nun aber hielt ihn nichts mehr. Er eilte zurück, um nichts von seinem Leben zu versäumen. In seiner Aufregung lief er glatt an dem Baum vorbei, aber der rief ihn zurück: "Was ist mit meiner Frage, junger Mann?"

 

"Ach ja", rief dieser über die Schulter nach hinten, "Gott meinte, du kriegst nicht genügend Wasser, weil zwischen deinen Wurzeln und dem Wasser ein großer Schatz vergraben liegt. Aber sei mir nicht böse, denn ich bin jetzt ein Glückspilz und hab's eilig."

 

So rannte er weiter, bis er zu dem Mädchen kam - das rief ihn an: "Junger Mann, hast du Gott meine Frage gestellt?" Er blieb gar nicht erst stehen, sondern rief ihr im Laufen zu: "Ja, das hab' ich. Gott sagte, der Grund für dein Unglück ist, dass du einsam bist. Er meinte auch, dass ein gutaussehender junger Mann hier vorbeikommen würde. Ihr könntet euch ineinander verlieben und glücklich sein, euer ganzes Leben lang. Aber ich muss jetzt weiter, denn ich habe ab sofort Glück."

 

Als er schon ein wenig außer Atem an den Waldrand kam, rief ihn der Wolf an: "Junger Mann, hast du Gott meine Frage gestellt?"

 

"Oh ja, das habe ich", rief dieser. "Gott sagte, du bist so hungrig, weil du nicht genug zu fressen hast. Wenn aber der Narr weit genug gekommen ist, um dir das auszurichten, kannst du ihn zum Mittagessen haben."

 

Abschlussgedanken:

 

"Viele Menschen scheitern, weil die Angst sich dem Leben zu offenbaren, größer ist, als die Sehnsucht danach und die schlechten Erfahrungen stärker sind als die besten Hoffnungen."

 

Das Paradoxe ist; wer ein Leben lang von dieser Angst begleitet wurde, dem ist diese Angst der größte Verbündete. Verliert er diese Angst, verliert er seinen loyalesten Begleiter.

 

Was wäre, wenn diese Menschen alle Ängste, Bedenken, Unsicherheiten, soziale Prägungen und rationale Gedanken über Bord werfen würden und nur sie selbst wären, ohne Selbstbetrug und Selbstdarstellung.

Mit allen Verletzungen, Schwächen, Gefühlen, Emotionen, dafür mit echten Stärken, Wünschen, Bedürfnissen?

 

Würden sie dann glücklich werden? Und würden sie es wissen, wenn es soweit ist?