Während Poesie- und Bibliotherapie (das Verfassen und Rezipieren von Texten in beraterischen oder therapeutischen Kontext) in den USA bereits eine lange Tradition hat, ist es im deutschsprachigen Raum noch eher unbekannt, obwohl sich hier bereits Goethe und Schiller, oder der Vater der heutigen Psychotherapie, Sigmund Freud, dieses wertvollen Instrument bedient haben.

 

Die ersten, die sich im therapeutischen Schreiben versuchten, waren Philosophen. 500 v. Chr. wurde das Schreiben bereits in Griechenland als Mittel der Darstellung der eigenen Befindlichkeiten sowie für Überlegungen zum Sinn des Seins eingesetzt. Zwischen Schrift und Heilkunst bestand damals schon eine enge Verbindung. Apoll, der Sohn von Zeus und der Göttin Leto, war auch der Gott der Künste, insbesondere der Dichtkunst und der Heilkunst. Er war auch der Vater von Äskulap (dessen von einer Schlange umwundener Stab später zum Symbol des ärztlichen Standes wurde). Die Stoiker entwickelten die Methode der schriftlichen Konzentration und Meditation. Bei den römischen Philosophen wurde das Schreiben als therapeutische Form der Selbstkritik benutzt.

 

Was bereits griechische Denker erkannt hatten, war die Tatsache, dass Voraussetzung für gute Dichtkunst ist, den Menschen und seine Verhaltensweisen zu kennen. Deshalb unterzogen sich spätere Philosophen einer Selbstanalyse, um diese zum Gegenstand ihres Schreibens zu machen. Allen voran gingen hier die großen Philosophen wie Immanuel Kant, René Descartes und Friedrich Hegel. Sie nutzten das therapeutische Schreiben einerseits, um sich mit den gesellschaftlichen Zuständen auseinanderzusetzen und sich gegen sie aufzulehnen, und andererseits, um die eigene Stellung in dieser Gesellschaft zu thematisieren und ihr Leiden daran mit allen moralischen und narzisstischen Zweifeln über das Schreiben zu lindern. Mit ihnen wurde die Form des literarischen Tagebuchs geboren, das später in der Zeit der Industrialisierung und Entmündigung der Menschen große Bedeutung als Ort des Rückzugs und der Ichfindung erlangte. Eine weitere Urform des therapeutischen Schreibens rief um 400 n. Chr. der Mönch und Theologe Augustinus ins Leben. Er verfasste mit seinen „Confessiones“ (Bekenntnisse) eine Art autobiografischer Tagebücher, in die er seine täglichen Erlebnisse, Sorgen und Nöte schrieb und seine Sünden therapeutisch verarbeitete. Diese Art der Selbstanalyse griffen auch die Mystiker um Meister Eckhart auf. Das Schreibmodell des Augustinus gilt noch heute als Grundlage der modernen Autobiografie. Zu Tagebuch und Autobiografie kam als dritte Urform der Schreibtherapie das sogenannte automatische Schreiben hinzu, das vorwiegend mit Menschen in psychiatrischen Einrichtungen, aber auch unter Einfluss von Hypnose oder in mystischen Zirkeln praktiziert wurde. In der Literatur wird die Geschichte von Daniel Paul Schreber erwähnt, der sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts während eines Aufenthaltes in der Psychiatrie mithilfe des Schreibens selbst von seinen Wahnvorstellungen heilte. Er schrieb während seiner psychotischen Schübe alles auf, was er „erlebte“ und halluzinierte.

 

Mit Freud, Jung und Alfred Adler hielt die Schreibtherapie Einzug in die Tiefenpsychologie. Die drei Psychiater arbeiteten mit der Methode der freien Assoziation und mit dem Traumtagebuch als Form der Selbstanalyse.

 

In Russland befasste sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Arzt und Psychologe Vladimir Iljine bereits mit dem heilenden Aspekt von Sprache und Schreiben. Er schrieb für seine Patienten Theaterstücke, die ihr Leben oder Teile davon zur Grundlage hatten.

 

In den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts rief der Psychiater Jakob L. Moreno das Psychodrama ins Leben und schuf damit eine Therapieform, die noch heute in vielen Einrichtungen für psychisch Kranke angeboten wird. Die Selbstanalyse in Form von Tagebuchschreiben als heilendes Mittel für leichte Neurosen beschäftigte in der Folge noch viele weitere Psychologen und Autoren.

 

Schriftsteller wie Rainer Maria Rilke und Franz Kafka gaben zu, dass ihre Gedichte und Romane nichts anderes seien als Selbstanalyse und sie vor einer Psychotherapie bewahrten. Auch Kafka und Rilke ersparten sich durch Schreiben die Psychotherapie.

 

Weitere Namen, die nach dem Zweiten Weltkrieg im Zusammenhang mit der Schreibtherapie in Europa Bedeutung haben, sind E. Pickworth Farrow, der mit dem freien assoziativen Schreiben in Zusammenhang gebracht wird, Klaus Thomas (biografisches Schreiben) und Hilarion Petzold, der das meditative Schreiben ins Leben rief. Anders als in den USA wurde in Europa das therapeutische Schreiben nur in Zusammenhang mit den tiefenpsychologischen Erkenntnissen von Freud, Jung und anderen gesehen

 

Fritz Perls entwickelte die sogenannte Gestalttherapie, bei der es darum geht, die gegenwärtige Situation gestalterisch zu verarbeiten und so zu einer Neuorientierung zu kommen. In Deutschland hat sich der Soziologe und Autor Lutz von Werder um die Verbreitung und Weiterentwicklung der Schreibtherapie verdient gemacht. In den USA hat das therapeutische Schreiben bzw. die Poesietherapie schon längst einen wissenschaftlich anerkannten Stellenwert und ist neben Kreativtherapien wie Musik-, Mal- und Tanztherapie als eigenständige Therapieform anerkannt. Eine bekannte Schreibtherapeutin ist Gabriele L. Rico, die die Technik des natürlichen Schreibens entwickelte.

 

Egal ob Tagebuch oder Autobiografie, Lebensgeschichte oder Traumtagebuch – alle hatten und haben den Zweck, dass man belastende Dinge aufschreibt, um sich davon zu befreien und so sein Inneres zu „reinigen“ und Raum für neue Erfahrungen zu schaffen. Aus geschriebener Distanz betrachtet sehen die Dinge anders aus und lassen sich besser verstehen und verarbeiten.

(Quelle: "Einfach die Seele frei Schreiben". Sylvia Winnewisser. Verlag Humboldt. Erschienen 2010)